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Elektrotherapie, Ultraschall, Wärme & Kälte in der Physiotherapie

Strom, Schallwellen, Wärme und Kälte gehören zu den physikalischen Anwendungen der Physiotherapie. Wir erklären ruhig und ehrlich, was sie bewirken, wann sie sinnvoll sind – und wo ihre Grenzen liegen.

Aufrecht-Fachredaktion
Aktualisiert am 18. Juni 2026 · 9 Min. Lesezeit
Physiotherapeutin legt Elektroden für eine TENS-Anwendung auf die Schulter einer Patientin
Physikalische Anwendungen wie die Elektrotherapie sind meist ein ergänzender Baustein neben der aktiven Behandlung.

Warme Packungen, ein leichtes Kribbeln unter Elektroden, kühlende Kompressen: Solche Reize kennt fast jeder, der schon einmal in der Physiotherapie war. Fachlich fasst man sie als physikalische Anwendungen zusammen. Sie sind angenehm, oft entspannend und können Beschwerden für eine Weile lindern. Gleichzeitig gilt es, sie richtig einzuordnen: Sie sind selten das Herzstück einer Behandlung, sondern begleiten und unterstützen das, worauf es in der Physiotherapie meist ankommt – die aktive Bewegung. Dieser Ratgeber führt Sie durch die vier grossen Gruppen und erklärt, was Sie realistisch erwarten dürfen.

Was sind physikalische Anwendungen?

Physikalische Anwendungen nutzen äussere Reize, um auf das Gewebe einzuwirken – Strom, Schallwellen, Wärme oder Kälte. Man zählt sie zu den passiven Massnahmen: Der Körper wird behandelt, ohne dass man selbst aktiv mitarbeiten muss. Das unterscheidet sie grundlegend von der aktiven Bewegungstherapie und den gezielten Übungen, bei denen Sie selbst die Hauptarbeit leisten.

Der gemeinsame Nenner dieser Verfahren ist ein symptomatischer, meist kurzfristiger Effekt: Sie können Schmerzen dämpfen, Muskeln lockern, die Durchblutung anregen oder eine Schwellung bremsen. Was sie in der Regel nicht leisten, ist die Ursache eines Problems dauerhaft zu beheben. Deshalb kommen sie am häufigsten vorbereitend zum Einsatz – etwa um verspanntes Gewebe geschmeidiger zu machen, bevor mobilisiert oder geübt wird – oder begleitend, um eine schmerzhafte Phase zu überbrücken. Wie sie sich zu Handgriffen und Weichteiltechniken verhalten, lesen Sie im Ratgeber zu Massage und manueller Lymphdrainage. Einen Überblick über alle Bausteine der Physiotherapie bietet der grosse Physiotherapie-Ratgeber.

Elektrotherapie (TENS & Reizstrom)

Bei der Elektrotherapie werden über Klebeelektroden schwache elektrische Ströme durch die Haut geleitet. Je nach Frequenz und Ziel unterscheidet man vor allem zwei Richtungen.

TENS zur Schmerzlinderung

TENS steht für «transkutane elektrische Nervenstimulation». Sanfte Stromimpulse reizen Nervenfasern in der Haut; Betroffene spüren ein deutliches, aber angenehmes Kribbeln. Die Idee dahinter: Die Reize sollen die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Nervensystem dämpfen und körpereigene, schmerzlindernde Prozesse anstossen. TENS wird häufig bei anhaltenden Schmerzen eingesetzt und kann als Gerät für zu Hause verordnet werden. Der Effekt ist individuell sehr unterschiedlich – manche Menschen profitieren spürbar, andere kaum.

Reizstrom zur Muskelstimulation

Andere Stromformen zielen auf die Muskulatur. Sogenannter Reizstrom oder elektrische Muskelstimulation kann Muskeln zum Zusammenziehen bringen. Das ist vor allem dann interessant, wenn ein Muskel nach einer Verletzung oder Operation stark abgeschwächt ist und sich willentlich kaum ansteuern lässt. Wichtig: Solche Verfahren ersetzen kein Krafttraining, sondern können es in bestimmten Situationen anstossen oder unterstützen.

Wann Strom, Wärme und Kälte tabu sind

Elektrotherapie wird nicht bei einem Herzschrittmacher oder Defibrillator, nicht direkt über dem Herzen und nicht am Schwangerschaftsbauch angewendet. Wärme ist bei einer akuten Entzündung, frischen Schwellung oder offenen Wunde ungeeignet. Besondere Vorsicht gilt bei Sensibilitätsstörungen der Haut (etwa bei Diabetes oder nach Nervenschäden), weil ein zu starker Reiz nicht rechtzeitig bemerkt wird. Melden Sie Implantate, Schwangerschaft oder Gefühlsstörungen immer vor Behandlungsbeginn. Bei plötzlicher Lähmung, Taubheit, Blasen- oder Mastdarmstörung, Fieber oder starken Schmerzen nach einem Sturz gilt: ärztlich abklären, im Notfall die 144.

Ultraschalltherapie

Bei der Ultraschalltherapie wird ein Schallkopf mit einem Kontaktgel langsam über die Haut geführt. Er sendet hochfrequente Schallwellen ins Gewebe, die man selbst nicht hört. Diese Schwingungen erzeugen in der Tiefe eine feine Erwärmung und mechanische Reize. Ziel ist, die Durchblutung anzuregen und das Gewebe – etwa im Bereich von Sehnen oder Muskelansätzen – auf die weitere Behandlung vorzubereiten.

Ultraschall wird gerne bei Beschwerden an Sehnen und Muskelübergängen sowie bei verklebtem oder wenig durchblutetem Gewebe eingesetzt. Die Anwendung ist schmerzfrei und dauert meist nur wenige Minuten pro Stelle. Wie bei den anderen physikalischen Verfahren gilt: Ultraschall ist ein ergänzender Baustein und wirkt am besten in Kombination mit aktiver Bewegung, nicht als alleinige Therapie.

Wärmetherapie (Fango, Rotlicht, Wärmepackung)

Wärme ist eine der ältesten und beliebtesten Anwendungen – aus gutem Grund: Sie fühlt sich angenehm an, entspannt die Muskulatur und regt die Durchblutung an. In der Physiotherapie kommen dafür verschiedene Formen zum Einsatz.

  • Fango und warme Packungen: Ein erwärmtes Moor- oder Mineralpräparat wird auf die betroffene Region gelegt. Die Wärme dringt langsam ein und hält lange an – ideal, um verspannte Muskeln vor der eigentlichen Behandlung zu lockern.
  • Rotlicht (Infrarot): Eine Wärmelampe strahlt Infrarotlicht auf die Haut und erwärmt oberflächlich. Der Effekt ist mild und angenehm, reicht aber weniger tief als eine Packung.
  • Wärmflasche und Kirschkernkissen: Einfache Hausmittel, die sich für die Anwendung zu Hause gut eignen, etwa bei einem verspannten Nacken oder Rücken.

Wärme eignet sich vor allem bei muskulären Verspannungen und chronischen, nicht entzündlichen Beschwerden. Sie ist wohltuend, ihr Effekt bleibt aber meist kurzfristig. Entscheidend ist der richtige Zeitpunkt: Bei einer frischen Verletzung mit Schwellung oder einer akuten Entzündung ist Wärme fehl am Platz – hier ist eher Kühlung angezeigt.

Faustregel: Wärme oder Kälte?

Als grobe Orientierung gilt: Kälte bei frisch und heiss – also bei akuten Verletzungen, Schwellung oder Entzündung. Wärme bei alt und verspannt – also bei chronischen Muskelverspannungen ohne Entzündungszeichen. Im Zweifel fragen Sie Ihre Therapeutin; nach den ersten Tagen kann sich die Empfehlung ändern.

Kältetherapie (Kryotherapie)

Die Kältetherapie – fachlich Kryotherapie – nutzt Kälte, um Schmerz zu dämpfen, Entzündungsreize zu bremsen und eine Schwellung zu begrenzen. Am bekanntesten ist das gekühlte Gelkissen oder der Eisbeutel nach einer frischen Prellung oder Verstauchung. In Praxen kommen zudem Kältesprays, kalte Wickel oder – seltener – eine Kältekammer zum Einsatz.

Kälte wirkt vor allem in der akuten Phase einer Verletzung, in den ersten Stunden und Tagen. Sie verengt die Gefässe, verlangsamt Stoffwechselprozesse im Gewebe und macht den Bereich weniger schmerzempfindlich. Wichtig ist der richtige Umgang: nie Eis direkt auf die Haut, immer ein Tuch dazwischen, und in Intervallen von rund 15 bis 20 Minuten kühlen. Wie die Reha nach einer akuten Verletzung weitergeht, ist ausführlich im Ratgeber zur Bewegungstherapie beschrieben.

15–20
Minuten pro Anwendung sind bei Wärme und Kälte üblich – länger bringt selten mehr
4
grosse Gruppen physikalischer Reize: Strom, Schall, Wärme und Kälte
9
Sitzungen umfasst in der Schweiz in der Regel eine ärztliche Physiotherapie-Verordnung
AnwendungZielTypisch bei
Elektrotherapie (TENS)Schmerzen dämpfenanhaltenden Schmerzen, chronischen Beschwerden
Reizstrom / Muskelstimulationabgeschwächte Muskeln aktivierenMuskelschwäche nach Verletzung oder Operation
UltraschallDurchblutung anregen, Gewebe vorbereitenSehnen- und Muskelansatz-Beschwerden
Wärme (Fango, Rotlicht)Muskeln entspannen, Durchblutung fördernVerspannungen, chronischen, nicht entzündlichen Beschwerden
Kälte (Kryotherapie)Schmerz und Schwellung bremsenfrischen Verletzungen, akuten Entzündungen

Evidenz & Grenzen (meist ergänzend)

So angenehm physikalische Anwendungen sind – ihr wissenschaftlicher Nachweis fällt zurückhaltender aus, als viele erwarten. Für die meisten Verfahren ist die Studienlage begrenzt oder uneinheitlich. Übersichtsarbeiten kommen häufig zum Schluss, dass ein klarer, dauerhafter Nutzen als alleinige Behandlung nicht sicher belegt ist. Das heisst nicht, dass sie wirkungslos wären: Sie können Schmerzen kurzfristig lindern und eine schwierige Phase erträglicher machen.

Die ehrliche Einordnung lautet deshalb: Elektrotherapie, Ultraschall, Wärme und Kälte sind ergänzende Bausteine. Sie entfalten ihren Wert meist dann, wenn sie den Weg für das eigentlich Wirksame ebnen – die aktive Bewegung, das schrittweise Training und die Rückkehr in den Alltag. Genau hier liegt der grösste und am besten belegte Nutzen der Physiotherapie. Eine gute Therapeutin setzt passive Anwendungen darum gezielt und zeitlich begrenzt ein und rückt Sie selbst und Ihre Übungen in den Mittelpunkt.

Und noch eine wichtige Grenze: Keine dieser Anwendungen ersetzt eine ärztliche Diagnose. Sie behandeln Symptome, nicht die zugrunde liegende Ursache. Bleiben Beschwerden unklar oder verschlimmern sie sich, gehört die Frage nach dem «Warum» in ärztliche Hände.

Häufige Fragen

Ist Elektrotherapie schmerzhaft?

Nein. Bei TENS spürt man ein leichtes Kribbeln oder Prickeln unter den Elektroden, das als angenehm bis neutral beschrieben wird. Die Intensität wird gemeinsam eingestellt und soll deutlich, aber nie schmerzhaft sein. Reizstrom zur Muskelstimulation kann sich als unwillkürliches Muskelzucken anfühlen. Treten Schmerzen, Brennen oder Hautrötungen auf, wird die Anwendung sofort unterbrochen.

Darf ich Wärme oder Kälte auch selbst zu Hause anwenden?

In vielen Fällen ja, wenn Ihre Physiotherapeutin oder Ihr Arzt grünes Licht gibt. Eine Wärmflasche oder ein Kirschkernkissen bei verspannter Muskulatur und ein gekühltes Gelkissen nach einer frischen Prellung sind bewährt. Wichtig ist ein Tuch zwischen Haut und Kälte- oder Wärmequelle, um Verbrennungen oder Erfrierungen zu vermeiden, sowie eine Anwendung von rund 15 bis 20 Minuten. Bei Gefühlsstörungen der Haut ist Vorsicht geboten.

Ersetzt Elektro- oder Wärmetherapie die aktiven Übungen?

Nein. Physikalische Anwendungen sind in der Regel ergänzend gedacht. Sie können Schmerzen kurzfristig lindern oder Gewebe auf die Bewegung vorbereiten, ersetzen aber nicht das aktive Training. Der langfristige Nutzen der Physiotherapie entsteht vor allem durch Bewegung, Kräftigung und die schrittweise Rückkehr in den Alltag.

Warum ist Strom bei einem Herzschrittmacher gefährlich?

Elektrischer Strom kann die Steuerimpulse eines Herzschrittmachers oder Defibrillators stören. Deshalb wird Elektrotherapie bei implantierten Geräten, direkt über dem Herzen und am Schwangerschaftsbauch nicht angewendet. Informieren Sie Ihre Therapeutin immer über einen Herzschrittmacher, Metallimplantate oder eine Schwangerschaft, bevor eine Behandlung beginnt.

Wie schnell wirken Wärme oder Kälte?

Die Wirkung ist meist kurzfristig und symptomatisch. Wärme entspannt die Muskulatur und wird oft schon während der Anwendung als wohltuend empfunden. Kälte dämpft Schmerz und kann Schwellungen bremsen; ihr Effekt hält in der Regel nur begrenzt an. Beide Anwendungen sind Bausteine, keine Heilmethoden – der eigentliche Fortschritt kommt über die aktive Therapie.

Quellen & Literatur

  1. physioswiss – Schweizer Physiotherapie Verband. Physiotherapie: Methoden und Berufsbild. Abgerufen 2026.
  2. IQWiG / gesundheitsinformation.de. Behandlung mit Wärme, Kälte und Strom bei Schmerzen. Abgerufen 2026.
  3. Cochrane Library. Transcutaneous electrical nerve stimulation (TENS) for chronic pain. Abgerufen 2026.
  4. Cochrane Library. Therapeutic ultrasound for musculoskeletal disorders. Abgerufen 2026.
  5. IQWiG / gesundheitsinformation.de. Erste Hilfe bei Sportverletzungen: kühlen, schonen, bewegen. Abgerufen 2026.

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